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Abnehmen in der Pubertät: 3 Fehler die fast alle Eltern machen

Verena KunzErnährungswissenschafterin (MSc) · aktualisiert

Dein Teenager hat zugenommen. Vielleicht schleichend über die letzten zwei Jahre, vielleicht gefühlt über Nacht. Die Hosen passen nicht mehr, das Schwimmbad wird gemieden, und wenn du das Thema ansprichst, knallen die Türen.

Wenn du das liest, hast du wahrscheinlich schon vieles versucht. Weniger Süßes, mehr Bewegung, Gespräche, vielleicht sogar eine Ernährungsberatung. Und trotzdem: Es hat sich nichts verändert. Oder schlimmer — es ist mehr geworden.

Das ist frustrierend. Und ich verstehe das.

Ich bin Verena Kunz, Ernährungsberaterin und Adipositastrainerin. Seit über sechs Jahren arbeite ich mit Familien, deren Kinder und Teenager mit Übergewicht kämpfen. Hunderte Familien habe ich begleitet. Und ich sehe immer wieder dieselben drei Fehler — gut gemeint, aber mit dem gegenteiligen Effekt.

Nach diesem Artikel weißt du, welche drei Fehler du vermeiden solltest — und was stattdessen wirklich funktioniert. Kein Ernährungsplan, kein Sportprogramm, sondern ein Ansatz, der nachhaltig etwas verändert.

Fehler 1: Diäten und Verbote

„Ab morgen gibt es keine Chips mehr im Haus.“ „Du darfst nur noch ein Stück Schokolade pro Tag.“ „Wir essen jetzt alle Low Carb.“

Klingt vernünftig. Ist es aber nicht.

95 Prozent aller Diäten scheitern. Das ist keine Meinung, das ist Wissenschaft. Bei Erwachsenen. Bei Teenagern in der Pubertät ist die Quote noch schlechter — denn das Gehirn deines Kindes wird gerade komplett umgebaut. Der Teil, der für Planung, Impulskontrolle und rationale Entscheidungen zuständig ist (der präfrontale Kortex), funktioniert in der Pubertät nur eingeschränkt. Erst ab etwa 17 Jahren schaltet sich dieser Bereich wieder richtig ein.

Was bedeutet das konkret? Wenn du deinem Teenager Süßes verbietest, passiert Folgendes:

  1. Der Heißhunger wird stärker. Verbote erzeugen im Gehirn ein Signal: „Das ist knapp, ich muss es mir sichern.“ Die Lust auf genau das Verbotene steigt.
  2. Heimliches Essen beginnt. Wenn es offiziell nicht erlaubt ist, wird es eben heimlich gegessen. Unter dem Bett, beim Freund, nach der Schule.
  3. Die Beziehung leidet. Jede Mahlzeit wird zum Kampf. Jeder Blick auf den Teller wird zur Kontrolle. Vertrauen geht verloren.

Ich habe mit einer Familie gearbeitet, die genau in dieser Spirale steckte. Die Mutter hatte alle Süßigkeiten verbannt, nur noch Gemüse und Vollkorn eingekauft, sogar den Geburtstagskalender gestrichen. Das Ergebnis? Ihr Sohn hat bei Freunden gegessen, was er konnte, und in sechs Monaten fünf Kilo zugenommen.

Als sie die Verbote aufgehoben hat — nicht planlos, sondern mit Struktur — ist etwas Erstaunliches passiert: Ihr Sohn hat von selbst weniger genascht. Weil es erlaubt war, war es nicht mehr so interessant.

Was du stattdessen tun kannst: Statt Verbote auszusprechen, koche gemeinsam mit deinem Kind. Findet gesunde Alternativen zu den Lieblings-Snacks. Brokkoli-Pizza statt Tiefkühlpizza. Bananen-Nicecream statt Eis aus der Packung. Nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung. Das Ziel ist nicht „Nie wieder Schokolade“ — sondern ein Umfeld, in dem gesunde Entscheidungen leichter fallen als ungesunde.

Fehler 2: Das Kind alleine kämpfen lassen

„Er weiß ja, was gesund ist.“ „Sie sagt selbst, sie will abnehmen.“ „Ich kann ihn nicht zwingen — er muss es selbst wollen.“

Diese Sätze höre ich ständig. Und sie klingen logisch. Aber sie übersehen etwas Entscheidendes: Teenager in der Pubertät brauchen Struktur, Planung und Ermutigung — auch wenn sie so tun, als bräuchten sie nichts davon.

Dein Kind ist kein kleiner Erwachsener. Es steckt mitten in einem biologischen Umbau. Die Hormone spielen verrückt, Stimmungsschwankungen gehören zum Alltag, und was gestern noch motivierend war, ist heute „voll cringe“. Das ist normal. Aber genau deshalb kann dein Teenager diesen Weg nicht alleine gehen.

Stell dir vor, du gibst einem 14-Jährigen die Verantwortung für die Steuererklärung. Er versteht vielleicht das Konzept. Aber ohne Anleitung, ohne System, ohne jemanden, der mitdenkt, wird es nicht funktionieren. Beim Essen und Bewegen ist es genauso.

Was viele Eltern unterschätzen, ist die nonverbale Kommunikation. Dein Kind registriert genau:

  • Was DU isst, wenn du gestresst bist.
  • Ob DU dich bewegst oder den Abend auf der Couch verbringst.
  • Ob DU zum Salat greifst oder zur Tiefkühlpizza.
  • Welchen Tonfall du beim Thema Essen verwendest.

Kinder spiegeln das Verhalten ihrer Eltern. Nicht weil sie es bewusst kopieren, sondern weil sie in einem System leben, das ihre Gewohnheiten formt.

Die Frage ist nicht, OB du helfen sollst — sondern WIE.

Nicht als Kalorienpolizei, die jeden Bissen kommentiert. Nicht als Kontrollinstanz, die den Kühlschrank überwacht. Sondern als Begleiter, der vorlebt, Struktur schafft und da ist — ohne Druck, ohne Drama.

Was das konkret heißt? Iss gemeinsam zu Abend, statt jeder für sich vor dem Bildschirm. Plane die Woche vor, damit nicht jeden Tag die Frage „Was essen wir?“ im Stress entschieden wird. Und vor allem: Rede MIT deinem Kind, nicht ÜBER sein Gewicht.


Fehler 3: Den Körper statt das System ändern

Das ist der Fehler, den die wenigsten auf dem Schirm haben. Und gleichzeitig der wichtigste.

Die meisten Ansätze versuchen, am Kind etwas zu ändern. Weniger essen. Mehr bewegen. Bessere Entscheidungen treffen. Aber was passiert, wenn dein Kind diese Dinge versucht — und dann nach Hause kommt in eine Küche voller Fertiggerichte? In ein Zuhause ohne Essensroutinen? In eine Familie, die abends getrennt isst, jeder vor seinem Bildschirm?

Genau: Es fällt zurück in alte Muster. Nicht weil es faul oder willensschwach ist. Sondern weil das System drumherum sich nicht verändert hat.

Ich habe jahrelang Kinder in Diätcamps begleitet. Sie haben abgenommen, waren motiviert, haben gelernt. Und dann? Sie kamen zurück nach Hause — in dasselbe System, dieselben Gewohnheiten, dieselben Konflikte. Und alles war wieder wie vorher.

Da habe ich verstanden: Es reicht nicht, das Kind zu verändern. Wir müssen das System verändern.

Und der Schlüssel dazu? Du als Elternteil.

Nicht weil du schuld bist — das ist wichtig. Kein Elternteil ist „schuld“ am Übergewicht seines Kindes. Es gibt hunderte Faktoren: Gene, Umfeld, Schule, Freunde, Medien. Aber du hast den größten Hebel. Du bestimmst, was im Kühlschrank steht. Du gestaltest die Abendrituale. Du entscheidest, ob es gemeinsame Mahlzeiten gibt oder Fast Food vor dem Fernseher.

Wenn sich das System ändert, ändert sich das Verhalten deines Kindes — natürlich und ohne tägliche Kämpfe.

Denk mal darüber nach:

  • Was steht gerade in eurem Kühlschrank? Wenn der erste Griff immer zur Wurstsemmel geht — liegt es nicht an deinem Kind, sondern am Angebot.
  • Wie laufen eure Abende ab? Gibt es eine feste Essenszeit? Oder isst jeder, wann er will?
  • Wie wird bei euch über Essen gesprochen? Gibt es Sätze wie „Du solltest weniger essen“ oder eher „Komm, lass uns was Gutes kochen“?

Kleine Veränderungen im System wirken stärker als jede Diät. Weil sie nicht von Willenskraft abhängen, sondern von Gewohnheit.


Was stattdessen funktioniert: 3 Sofort-Tipps

Du fragst dich jetzt vielleicht: „Okay, verstanden. Aber was genau soll ich tun?“ Hier sind drei Dinge, die du heute noch umsetzen kannst:

1. Tonfall: Eine Sekunde entscheidet alles

Wenn du das nächste Mal etwas über Essen oder Bewegung sagen willst — halte eine Sekunde inne. Diese eine Sekunde entscheidet, ob dein Kind sich öffnet oder dichtmacht.

  • Statt: „Musst du wirklich noch eine Portion nehmen?“ Sag: „Hat’s dir geschmeckt? Sollen wir morgen wieder was Ähnliches kochen?“
  • Statt: „Du sitzt schon wieder nur rum.“ Sag: „Ich geh kurz raus, kommst du mit?“

Eine Sekunde. Ein anderer Ton. Eine komplett andere Reaktion.

2. Umfeld: Verbinde Ungesund mit Gesund

Statt ungesunde Lebensmittel komplett zu verbannen (Fehler 1), verbinde sie mit etwas Gesundem. Dein Teenager liebt Pizza? Macht sie selbst — mit Vollkornboden und frischem Gemüse. Nutella-Fan? Probiert ein selbstgemachtes Haselnuss-Mus ohne Industriezucker. Das Ziel ist nicht Verzicht, sondern Upgrade.

So lernt dein Kind, dass gesund nicht gleich langweilig bedeutet. Und du vermeidest den Machtkampf, der bei Verboten automatisch entsteht.

3. Struktur: Ein Plan statt tägliche Verhandlungen

Hängt einen einfachen Essensplan in die Küche. Nicht als strenge Diät, sondern als Orientierung. Montag bis Freitag: Was gibt es zum Frühstück? Was als Jause? Was zum Abendessen? Wann wird gemeinsam gegessen?

Warum das wirkt: Regeln reduzieren Konflikte. Wenn klar ist, dass es um 18 Uhr Abendessen gibt und danach die Küche „zu“ ist, muss niemand mehr diskutieren. Es ist kein Verbot — es ist eine Struktur, die allen hilft.

Das sind drei von zwölf Stellschrauben, die wir in unserem Programm durchgehen. Drei Stellschrauben, die hunderte Familien bereits erfolgreich umgesetzt haben — mit einem Ansatz, der ohne Diäten, ohne Druck und ohne tägliche Kämpfe funktioniert.

Dein nächster Schritt

Du hast jetzt verstanden, welche Fehler du vermeiden solltest. Aber jede Familie ist anders. Was bei euch als Erstes angepackt werden sollte, hängt von eurer konkreten Situation ab.

Willst du wissen, welcher Weg zu eurer Familie passt?

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Über die Autorin: Verena Kunz ist Ernährungsberaterin, Adipositastrainerin und Gründerin von HipTeens. Sie hat über sechs Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Familien übergewichtiger Kinder und Teenager und ist bekannt aus Kurier, PULS4 und der Kleinen Zeitung. Ihr Ansatz: Nicht das Kind ändern, sondern das Familiensystem — damit nachhaltige Veränderung möglich wird. Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Wenn du dir Sorgen um die Gesundheit deines Kindes machst, sprich bitte mit eurem Kinderarzt oder eurer Kinderärztin.