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An den anderen Elternteil: Kein Streit, nur ein Gedanke — wegen unserem Kind

Verena KunzErnährungswissenschafterin (MSc) · aktualisiert

Okay, wahrscheinlich hat dir das gerade jemand geschickt. Vermutlich dein Ex-Partner oder deine Ex-Partnerin, weil ein normales Gespräch zwischen euch beiden im Moment einfach nicht so recht klappt. Vielleicht rollst du schon innerlich die Augen. Verständlich — nach einer Trennung hat man selten viel Geduld für „Nachrichten von der anderen Seite“. Gib dem Text trotzdem zwei Minuten. Es lohnt sich, versprochen.

Gleich vorweg, damit du entspannt weiterlesen kannst: Das hier ist kein Angriff. Es geht nicht darum, wer an der Trennung schuld war, wer besser erzieht oder wer der „coolere“ Elternteil ist. Es geht um genau eine Person, die mit eurem Konflikt eigentlich nichts zu tun haben sollte — euer Kind. Und um ein einziges Thema, bei dem sich beide Seiten für ein paar Minuten die Waffen niederlegen können: seine Gesundheit.

Ich höre in der Beratung ständig dieselbe Geschichte: Unter der Woche gibt es Struktur, gemeinsames Essen, den ehrlichen Versuch, etwas zu ändern. Und dann kommt das Wochenende beim anderen Elternteil — Eis, Süßes, Fast Food, keine Grenzen — und die ganze mühsam aufgebaute Routine ist wieder bei null. Falls du gerade dieser andere Elternteil bist: kein Drama, lies einfach weiter. Nicht weil du etwas falsch machst. Sondern weil ich ziemlich sicher bin, dass du dein Kind genauso liebst wie der Rest der Familie — nur gerade über den falschen Kanal zeigst.

Bevor du weiterliest:

Was du in deiner gemeinsamen Zeit mit eurem Kind tust, kommt sehr wahrscheinlich aus einem guten Ort — aus Sehnsucht, aus dem Wunsch, die gemeinsame Zeit besonders zu machen, vielleicht auch aus einem schlechten Gewissen. Das macht dich nicht zu einem schlechten Elternteil. Es macht dich zu einem Menschen, der gerade in einer schwierigen Situation das Naheliegende tut. Dieser Text soll dir zeigen, warum es trotzdem lohnt, etwas zu verändern — und wie das geht, ohne dass du deine Beziehung zu eurem Kind aufs Spiel setzt.


Was hier eigentlich passiert — und warum es so oft vorkommt

Es gibt einen Begriff dafür in der Trennungsforschung: den „Disneyland-Elternteil“. Gemeint ist ein Muster, das erstaunlich häufig auftritt, besonders wenn die gemeinsame Zeit mit dem Kind knapp und ungleich verteilt ist. Der nicht-hauptbetreuende Elternteil macht jeden gemeinsamen Moment zum Fest — Geschenke, Süßigkeiten, keine Regeln, kein Nein. Während die unbequemen Aufgaben (Hausaufgaben, Grenzen setzen, gesunde Routinen) beim anderen Elternteil bleiben.

Die Soziologin Susan Stewart hat dieses Muster untersucht und einen wichtigen Punkt herausgearbeitet: Es entsteht fast immer aus Schuldgefühl und Sehnsucht — nicht aus mangelnder Liebe. Wer seltener beim Kind ist, will die gemeinsame Zeit besonders machen. Süßigkeiten, Eis, Fast Food sind der schnellste, einfachste Weg, ein Lächeln zu erzeugen und sich für ein paar Stunden wie der „coole“, geliebte Elternteil zu fühlen. Das ist zutiefst menschlich. Und es ist gleichzeitig genau das Muster, das ungleiche Betreuungszeit besonders begünstigt — je knapper die gemeinsame Zeit, desto stärker der Drang, sie „aufzuladen“.

Das Problem ist nicht deine Liebe. Das Problem ist, dass Liebe hier über einen Kanal ausgedrückt wird, der eurem Kind langfristig schadet — während sich kurzfristig alles richtig anfühlt.


Was die Forschung wirklich zeigt: Nicht die Trennung, sondern der Streit

Jetzt zu den Zahlen — weil ich glaube, dass du sie kennen solltest, bevor du diesen Text wegklickst. Eine große norwegische Langzeitstudie (Biehl und Kolleg:innen, Norwegian Child Growth Study) verglich Kinder aus getrennten und intakten Familien über Jahre hinweg.

+54%
höheres Risiko für Übergewicht bei Kindern getrennter Eltern im Vergleich zu Kindern aus intakten Familien.
Biehl et al., Norwegian Child Growth Study
+89%
höheres Risiko für bauchbetonte Fettleibigkeit — bei Buben mit +104% sogar noch deutlicher ausgeprägt.
Biehl et al., Norwegian Child Growth Study
Konflikt = Faktor
Weitere Forschung zu Trennungsfamilien (u. a. die griechische GENDAI-Kohortenstudie) legt nahe: Anhaltender Elternkonflikt ist ein eigener Risikofaktor — unabhängig von der Trennung selbst.
GENDAI-Studie u. a.

Der entscheidende Satz aus dieser Forschung: Es ist nicht die Trennung selbst, die Kindern schadet — es ist der anhaltende Konflikt zwischen den Eltern. Zwei Haushalte, zwei unterschiedliche Wohnorte, zwei unterschiedliche Alltage sind für Kinder grundsätzlich zu bewältigen. Was sie überfordert, ist ein System, in dem die eigenen Eltern sich gegenseitig unterlaufen — und das Kind mittendrin steht, ohne es beeinflussen zu können.

Das bedeutet auch: Diese Zahlen sind kein Vorwurf an dich persönlich. Sie sind eine Einladung. Wenn Konflikt der Risikofaktor ist, dann ist weniger Konflikt rund ums Essen — egal von welcher Seite er beendet wird — bereits eine echte Gesundheitsmaßnahme für euer Kind. Du musst nicht „gewinnen“. Du musst nur aufhören, mitzuspielen.

Ein Vater kocht gemeinsam mit seiner übergewichtigen Teenager-Tochter in der Küche, beide lachen
Gemeinsame Zeit muss nicht über Süßigkeiten laufen. Gemeinsames Tun verbindet mindestens genauso stark.

Warum Konsistenz für dein Kind mehr zählt, als du denkst

Ein kurzer, wichtiger Fakt aus der Ernährungsforschung: Kinder lernen, ihr eigenes Hunger- und Sättigungsgefühl zu regulieren, über wiederholte, verlässliche Erfahrungen. Diese Fähigkeit — später selbst zu spüren „ich bin satt“ oder „ich habe wirklich Hunger, nicht nur Lust“ — entsteht nicht von selbst. Sie wird über Jahre trainiert, durch Konsistenz in der Umgebung, die das Kind umgibt.

Studien zeigen: Elterliche Ernährungs-Praktiken müssen relativ stabil sein, um überhaupt einen messbaren Effekt auf das Essverhalten eines Kindes zu haben. Wenn sich die Herangehensweise von Woche zu Woche komplett widerspricht — hier klare Struktur und Gemüse, dort völlige Narrenfreiheit und Softdrinks nach Belieben — kann sich diese innere Regulationsfähigkeit schwerer aufbauen. Das Kind lernt nicht „was tut mir gut“, sondern „es kommt darauf an, bei wem ich gerade bin“. Das ist eine verwirrende, instabile Grundlage, gerade in einer Lebensphase, in der ein Körperbild und ein Verhältnis zum eigenen Essen erst entstehen.

Zwei Haushalte mit unterschiedlichen Regeln sind für ein Kind zu bewältigen. Ein Haushalt, der aktiv gegen die Gesundheit des Kindes arbeitet, während der andere kämpft, ist es nicht. Verena Kunz · Adipositastrainerin & Ernährungswissenschaftlerin

Was hier NICHT von dir verlangt wird

Damit keine Missverständnisse entstehen — und damit du diesen Text nicht als Vorwurf abtust, bevor du zum eigentlichen Punkt kommst: Hier geht es nicht um Perfektion oder Kontrolle. Konkret heißt das:

  • Du musst nicht dieselben Regeln haben wie im anderen Haushalt. Unterschiedliche Häuser dürfen unterschiedlich funktionieren.
  • Du musst nicht zum „strengen“ Elternteil werden. Struktur und Wärme schließen sich nicht aus — im Gegenteil.
  • Du musst Süßigkeiten und Eis nicht verbannen. Es geht nicht um Verbote, sondern um das, was zum Alltag wird statt zur Ausnahme.
  • Du musst dich nicht rechtfertigen oder ein schlechtes Gewissen haben für das, was bisher war. Es geht um den nächsten Schritt, nicht um die Vergangenheit.
  • Du musst nicht mit dem anderen Elternteil einer Meinung sein. Ihr müsst nicht harmonieren — nur in diesem einen Punkt an einem Strang ziehen.

Was wirklich zählt — fünf konkrete Dinge

Hier die Dinge, die tatsächlich etwas bewegen — realistisch, ohne dass du deinen Alltag mit dem Kind völlig umkrempeln musst:

  1. Nicht jeder gemeinsame Moment braucht Essen als Belohnung. Ein Kinobesuch, ein Spaziergang, ein Spiel, ein ehrliches Gespräch verbinden mindestens genauso stark wie Eis. Probier es bewusst aus — die Verbindung entsteht durch dich, nicht durch das, was du kaufst.
  2. „Wiedergutmachung“ nicht über Essen ausdrücken. Wenn du das Gefühl hast, zu wenig Zeit zu haben oder etwas gutmachen zu wollen — sprich es aus, statt es zu essen zu übersetzen. „Ich hab dich vermisst“ wirkt stärker als eine Tüte Süßigkeiten.
  3. Ein bisschen Struktur reicht schon. Es muss kein perfekter Ernährungsplan sein. Ein gemeinsames warmes Essen am Tisch statt Fast Food vorm Bildschirm, ein bisschen Gemüse dazu — das reicht oft schon, um eine echte Veränderung zu machen, ohne dass sich euer Wochenende wie ein Programm anfühlt.
  4. Bewegung als gemeinsame Aktivität einplanen, nicht als Pflicht. Radfahren, Schwimmen, ein Spaziergang mit Hund oder ohne — was auch immer euch beiden Spaß macht.
  5. Bei größeren Themen — Absprachen, Auffälligkeiten, Sorgen des anderen Elternteils — kurz zuhören, auch wenn das Gespräch unangenehm ist. Du musst nicht zustimmen. Aber ignorieren verschärft nur den Konflikt, um den es hier eigentlich nicht gehen soll.
Ein Vater und sein übergewichtiger Teenager-Sohn fahren gemeinsam lachend mit dem Fahrrad im Park
Eine gemeinsame Radtour schafft dieselbe Nähe wie ein Eis — nur ohne den Preis danach.

Ein Wort an den Elternteil, der diesen Link verschickt hat

Falls du derjenige oder diejenige bist, die diesen Artikel gerade weitergeleitet hat — auch an dich noch ein wichtiger Punkt, bevor du weiter wartest, dass sich der andere ändert.

Der allererste, wichtigste Schritt ist nicht, den anderen Elternteil zu überzeugen. Es ist, dich auf die Zeit zu konzentrieren, in der du wirklich Einfluss hast. Struktur, Routinen, die Beziehung zum Essen — in deinem Haushalt kannst du das gestalten, ohne auf Zustimmung von außen zu warten. Das ist kein Trostpreis. Studien zu Familien nach Trennung zeigen: Selbst wenn nur ein Haushalt konsequent bleibt, macht das für das Kind bereits einen messbaren Unterschied.

Und trotzdem: Du darfst versuchen, etwas zu verändern. Aus Liebe zu deinem Kind darfst du auch versuchen, dem anderen Elternteil die Augen zu öffnen — nicht mit Vorwürfen, sondern mit genau diesem Weg: sachlich, ohne Streit, als Angebot statt als Anklage. Manchmal braucht es nur einen neutralen Anstoß von außen, der nicht „von dir“ kommt, sondern von einer fachlichen Quelle. Genau dafür ist dieser Artikel gedacht.

Ein Vater umarmt warm seine übergewichtige Teenager-Tochter an der Haustür
Die Liebe war nie das Problem. Nur der Kanal, über den sie manchmal ausgedrückt wird.

Wo ihr beide weiterkommt

Egal, welcher Elternteil du bist — derjenige, der diesen Link geschickt hat, oder derjenige, der ihn gerade bekommen hat: Mein Programm „Familien-Wende“ unterstützt Familien dabei, ein gesundes Familien-System aufzubauen. Das funktioniert auch, wenn Eltern getrennt leben — dann arbeitet jeder Haushalt an dem, was in seinem Einflussbereich liegt. Es muss keine perfekte Einigkeit zwischen euch beiden herrschen. Es reicht, wenn die Gesundheit eures Kindes für beide Seiten wichtiger ist als der Rest des Konflikts.

Wenn du diesen Artikel bekommen hast: Du musst jetzt nicht sofort antworten oder dich rechtfertigen. Lies ihn einfach noch einmal in Ruhe, wenn du magst. Und wenn du ihn verschickt hast: Du hast gerade das Naheliegende getan — ohne Streit versucht, die Situation für euer Kind zu verbessern. Das reicht als erster Schritt.


Häufige Fragen

Macht die Trennung der Eltern mein Kind wirklich dicker?

Nicht die Trennung an sich, sondern der anhaltende Konflikt zwischen den Eltern. Eine große Langzeitstudie fand bei Kindern getrennter Eltern ein deutlich erhöhtes Risiko für Übergewicht — bei Buben besonders ausgeprägt. Aber: Kinder, deren Eltern sich trennen und dabei kooperativ bleiben, zeigen dieses erhöhte Risiko kaum. Es ist der Streit, nicht die getrennten Haushalte, der das Kind belastet.

Was ist ein „Disneyland-Elternteil“ und ist das automatisch schlecht?

Der Begriff beschreibt ein Muster: Der nicht-hauptbetreuende Elternteil macht jede gemeinsame Zeit zum Fest — viele Geschenke, Süßigkeiten, keine Grenzen — während unangenehme Aufgaben beim anderen Elternteil bleiben. Forschung zeigt: Das passiert meist aus Schuldgefühl und Sehnsucht, nicht aus böser Absicht. Besonders bei knapper, ungleich verteilter Zeit ist der Drang groß, jeden Moment besonders zu machen. Es ist verständlich — aber auf Dauer schadet es der Gesundheit und Selbstregulation des Kindes.

Müssen beide Haushalte exakt die gleichen Regeln haben?

Nein, das wird hier nicht verlangt und ist auch nicht realistisch. Kinder können mit unterschiedlichen Regeln in unterschiedlichen Häusern gut umgehen. Was ihnen schadet, ist nicht Unterschiedlichkeit — sondern wenn ein Haushalt aktiv gegen die Gesundheit des Kindes arbeitet, während der andere sich bemüht.

Warum ist Konsistenz bei der Ernährung für Kinder so wichtig?

Kinder entwickeln die Fähigkeit, ihr eigenes Ess- und Sättigungsgefühl zu regulieren, über wiederholte, verlässliche Erfahrungen. Elterliche Feeding-Praktiken müssen relativ stabil sein, um überhaupt einen Effekt auf das kindliche Essverhalten zu haben. Wenn sich die Herangehensweise komplett widerspricht, kann das Kind diese innere Regulationsfähigkeit schwerer aufbauen.

Was kann ich als hauptbetreuender Elternteil tun, wenn der Ex-Partner nicht mitzieht?

Der erste und wichtigste Schritt: den Fokus auf die eigene Zeit mit dem Kind legen — dort, wo du wirklich Einfluss hast. Der zweite Schritt kann sein, sachlich zu kommunizieren, notfalls per Link statt im direkten Gespräch. Vorwürfe verstärken meist nur die Fronten. Die Gesundheit des Kindes darf der gemeinsame Nenner bleiben, auch wenn sonst nichts mehr gemeinsam ist.

Wie spreche ich meinen Ex-Partner an, ohne dass es eskaliert?

Oft funktioniert das direkte Gespräch nicht mehr. Ein neutraler Weg: einen sachlichen Artikel wie diesen weiterleiten, statt selbst zu argumentieren. Das nimmt Emotion aus der Situation, weil die Botschaft nicht mehr „von dir“ kommt, sondern von einer neutralen, fachlichen Quelle. Wichtig ist der Rahmen: nicht als Angriff, sondern als „das hier hat mir geholfen, vielleicht hilft es dir auch“ formulieren.

Verena Kunz

Verena Kunz

Adipositastrainerin & Ernährungswissenschaftlerin. Begleitet Familien mit übergewichtigen Teenagern durch die Familien-Wende — ein strukturiertes 12-Wochen-Programm für nachhaltige Veränderung in Kommunikation, Umfeld und Alltag mit Leichtigkeit. Arbeitet auch mit getrennt lebenden Eltern daran, die Gesundheit des Kindes über den Konflikt zu stellen.