An der Bushaltestelle steht dein Kind mit Freunden, in der Hand eine Energy-Drink-Dose. Die Apfelspalten aus der Jausenbox kommen am Nachmittag wieder ungeöffnet zurück. Und wenn du beim Abendessen sagst „Nimm doch noch ein bisschen Gemüse, das ist gesund“, kommt ein Augenrollen, das man fast hören kann. „Gesund“ ist für viele Teenager ungefähr so spannend wie ein Elternabend.
Vielleicht fragst du dich: Wann ist das eigentlich passiert? Wieso steht eine Dose Zuckerwasser für Freiheit und ein Teller Gemüse für Strafe? Die gute Nachricht: Das ist kein Charakterzug deines Kindes und auch kein Erziehungsfehler von dir. Es ist ein Image. Und ein Image lässt sich ändern.
Ungesundes wirkt für Teenager cool, weil Werbung Junkfood seit Jahrzehnten mit Spaß, Freiheit und Zugehörigkeit verknüpft, während Gesundheit nach Verzicht, Regeln und Erwachsenen klingt. Vorträge und Verbote verstärken das noch. Was wirklich hilft: über Geschmack statt Gesundheit reden, Werbetricks gemeinsam durchschauen, Mitbestimmung geben, die Umgebung daheim verändern und selbst vorleben.
Inhaltsverzeichnis
Wann ist Ungesundheit eigentlich cool geworden?
Nicht an einem bestimmten Tag, sondern schleichend: Über Jahrzehnte hat Werbung ungesunde Produkte mit genau dem verbunden, was Kinder und Teenager sich am meisten wünschen – Spaß, Freiheit, dazugehören und ein bisschen Rebellion. Früher waren es Comicfiguren auf der Cornflakes-Packung und das Spielzeug im Kindermenü. Heute sind es Energy Drinks bei Extremsport-Events und Gaming-Turnieren, Snack-Challenges auf TikTok und Influencerinnen und Influencer, die beim Essen filmen.
Diese Werbung wirkt, und zwar messbar. Eine Auswertung von 80 Studien mit über 19.000 Kindern und Jugendlichen zeigt: Lebensmittelwerbung hängt damit zusammen, was Kinder mögen, was sie auswählen und wie viel sie essen – in kurzen Experimenten essen Kinder nach Werbung messbar mehr (Quelle: Boyland et al., JAMA Pediatrics, 2022). Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb seit 2023 verpflichtende Einschränkungen für Werbung zu Lebensmitteln mit viel Fett, Zucker oder Salz – ausdrücklich auch in digitalen Medien. Appelle an ein verantwortungsvolles Marketing hätten nichts Wesentliches bewirkt, so die WHO (Quelle: WHO, Juli 2023).
Besonders deutlich sieht man das bei Energy Drinks. Laut einer EU-weiten Erhebung mit über 52.000 Befragten haben rund 68 % der 10- bis 18-Jährigen im Jahr davor zumindest einmal Energy Drinks getrunken, und etwa jeder Achte von ihnen trinkt sie regelmäßig an vier bis fünf Tagen pro Woche (Quelle: EFSA, 2013). Und die Werbung dafür passt genau: Die Dose verspricht nicht „Koffein und Zucker“, sondern Mut, Tempo und Grenzen sprengen. Genau das, was ein Teenager gerade sein will.
Ich kenne das übrigens aus erster Hand. Als Teenager waren Red Bull, Haribo und Big Mac quasi meine Grundnahrungsmittel, und die Jause meiner Mama landete großteils im Müll. Warum ich heute entspannt an diesen Regalen vorbeigehe, habe ich im Beitrag Wie ich meinen Geschmack umtrainiert habe erzählt.
Warum klingt „gesund“ für Kinder und Jugendliche so fad?
Weil Gesundheit fast immer als Verzicht verkauft wird: weniger Zucker, kein Fast Food, Handy weg, „das ist gut für später“. Während Junkfood mit Belohnung im Jetzt wirbt, kommt Gesundheit mit erhobenem Zeigefinger und einem Versprechen für irgendwann in 30 Jahren. Für einen Menschen in der Pubertät, der im Hier und Jetzt lebt, ist das kein fairer Wettbewerb.
„Gesund“ macht Essen im Kopf weniger lecker
Dazu kommt ein Effekt, den die Forschung „Ungesund = lecker“-Intuition nennt. In Experimenten mit Erwachsenen zeigten Forschende: Je ungesünder ein Lebensmittel beschrieben wurde, desto besser schätzten die Teilnehmenden seinen Geschmack ein und desto mehr genossen sie es beim Essen – oft, ohne dass ihnen das bewusst war (Quelle: Raghunathan, Naylor & Hoyer, Journal of Marketing, 2006). Das Wort „gesund“ ist für viele also kein Verkaufsargument. Es klingt schnell nach „schmeckt fad“.
Wie stark das wirkt, zeigt ein Versuch in einer Universitätsmensa in Stanford mit fast 28.000 Gästen. Dasselbe Gemüse bekam abwechselnd verschiedene Namen. Mit genussvollen Beschreibungen wie „Gedrehte Karotten mit Zitrus-Glasur“ griffen 41 % mehr Menschen zu als bei einer Beschreibung, die den Verzicht betonte, etwa „Karotten, zuckerarm“ (Quelle: Turnwald, Boles & Crum, JAMA Internal Medicine, 2017). Die Studie lief mit Erwachsenen, nicht mit Teenagern. Aber wenn schon Studierende so reagieren, kannst du dir ausmalen, wie ein 14-Jähriger auf „Iss das, das ist gesund“ reagiert.
Je älter, desto weniger Gesundes
In Österreich sieht man den Knick mit dem Alter deutlich. In der 5. Schulstufe essen noch 62 % der Mädchen und 55 % der Burschen täglich Obst. In der 11. Schulstufe sind es nur noch 41 % der Mädchen und 29 % der Burschen. Täglich Gemüse essen in der 9. Schulstufe 44 % der Mädchen, aber nur 29 % der Burschen (Quelle: HBSC-Factsheet Ernährungsverhalten, Felder-Puig & Teufl, Erhebung 2021/22). Der Vergleich der Schulstufen zeigt: Genau in den Jahren, in denen Kinder unabhängiger werden und sich stärker an Freunden orientieren, essen deutlich weniger täglich Obst und Gemüse.
Wie stark „Gesundheit“ bei uns Erwachsenen selbst nach Strafe klingt und was das mit deinem Kind macht, habe ich im Beitrag Gesundheit ist ein Privileg, keine Strafe beschrieben.
Warum wirken Vorträge und Verbote in der Pubertät nicht?
Weil Teenager sich vor allem eines wünschen: ernst genommen zu werden und Status zu haben. Wer ihnen erklärt, was sie längst wissen, behandelt sie in ihren Augen wie kleine Kinder. Genau darin vermuten die Forschenden einen wichtigen Grund, warum viele klassische Gesundheitsprogramme für Jugendliche scheitern, so David Yeager, Ronald Dahl und Carol Dweck in einer viel beachteten Übersichtsarbeit. Wissen wiederholen wirkt auf Teenager bevormundend und damit respektlos (Quelle: Yeager, Dahl & Dweck, Perspectives on Psychological Science, 2018).
Dazu kommen zwei Dinge, die das Teenager-Gehirn in dieser Phase besonders prägen:
- Freunde sind ein starker Verstärker. In einem Experiment mit einem Fahrsimulator gingen Jugendliche deutlich mehr Risiko ein, sobald Gleichaltrige zuschauten, Erwachsene dagegen nicht. Im Gehirnscan war bei den Jugendlichen das Belohnungssystem stärker aktiv (Quelle: Chein et al., Developmental Science, 2011). Gemessen wurde das zwar beim Risikoverhalten, nicht beim Essen – es liegt aber nahe, dass sich auch beim Essen das, was die Clique cool findet, belohnender anfühlt.
- Druck erzeugt Gegendruck. Die Psychologie nennt das Reaktanz: Wenn jemand das Gefühl hat, dass ihm eine Freiheit genommen wird, will er sie umso mehr. Bei Kampagnen gegen das Rauchen zeigte sich, dass sehr direkte „Tu das nicht“-Botschaften bei älteren Jugendlichen nach hinten losgehen können (Quelle: Grandpre et al., Health Communication, 2003). Ein Süßigkeiten-Verbot kann auf dieselbe Weise Süßigkeiten noch interessanter machen.
Die Pubertät ist sozusagen ein neues Betriebssystem: Das Belohnungssystem läuft auf Hochtouren, die Impulskontrolle reift noch bis Mitte 20. Wenn „gesund“ nach Kontrolle durch die Eltern klingt, wird „ungesund“ automatisch zum Zeichen von Selbstständigkeit. Mehr zu diesem Umbau im Kopf liest du im Beitrag Pubertät heute: Warum alte Ratschläge scheitern.
Wenn du dich gerade wiedererkennst: Fast alle Eltern haben schon gesagt „Iss das, das ist gesund“. Es ist der naheliegendste Satz der Welt. Du hast nichts kaputt gemacht. Du hast nur gegen ein Werbebudget angeredet, das größer ist als das jeder Familie. Ab jetzt spielst du mit anderen Karten.
Was hilft wirklich, damit Gesundheit wieder attraktiv wird?
Am besten wirkt, was die Wünsche deines Teenagers nach Freiheit, Respekt und Zugehörigkeit auf die Seite der Gesundheit holt, statt gegen sie zu kämpfen. Einige dieser sieben Hebel sind in Studien untersucht, und alle lassen sich im Familienalltag umsetzen. Du musst nicht alle auf einmal ziehen. Such dir einen aus, der zu euch passt.
1. Dreh die Rebellion um: Wer verdient eigentlich an dir?
Dieser Hebel kommt aus einer der bekanntesten Studien zu diesem Thema. Forschende in den USA haben Jugendlichen der 8. Schulstufe nicht erklärt, dass Junkfood ungesund ist. Sie haben ihnen gezeigt, wie Lebensmittelkonzerne mit Werbung gezielt Kinder ansprechen und wie viel Geld sie damit verdienen. Gesund essen wurde so zu einem Akt der Unabhängigkeit: „Ich lasse mich nicht manipulieren.“ Am nächsten Tag wählten diese Jugendlichen insgesamt weniger Ungesundes und tauschten häufiger Chips gegen Obst, Karotten oder Nüsse als Jugendliche, die klassische Gesundheitsinfos bekommen hatten (Quelle: Bryan, Yeager et al., PNAS, 2016). Getestet wurde das im Unterricht; zu Hause kannst du denselben Gedanken im Gespräch aufgreifen.
So machst du das daheim: Kein Vortrag, sondern eine echte Frage, wenn gerade Werbung läuft oder ein Influencer einen Drink in die Kamera hält: „Was glaubst du, warum die Firma so viel Geld für Gaming-Turniere ausgibt?“ Oder: „Was soll man fühlen, wenn man das sieht?“ Dann zuhören. Dein Kind ist hier nicht das Ziel deiner Kritik, sondern dein Komplize gegen die Werbung. Das fühlt sich für einen Teenager nach Respekt an, nicht nach Bevormundung.
2. Rede über Geschmack, nicht über Gesundheit
Streich das Wort „gesund“ für ein paar Wochen aus deinem Wortschatz am Esstisch. Sag nicht „Iss das Gemüse, das ist gut für dich“, sondern „Probier mal, die Süßkartoffel-Pommes sind heute extra knusprig“. In einer Folgestudie an fünf Universitäten mit fast 138.000 Essensentscheidungen wählten Erwachsene in der Mensa Gemüse mit genussvollen Namen um 29 % häufiger als mit gesundheitsbetonten (Quelle: Turnwald et al., Psychological Science, 2019). Röstaromen, Knusprigkeit, Dips und Gewürze sind keine Tricks, sondern der Grund, warum Essen Spaß macht. Gemüse darf das auch.
3. Verkaufe das Jetzt, nicht das Später
„Damit du mit 50 keinen Diabetes bekommst“ ist für einen 13-Jährigen ungefähr so greifbar wie die Pension. Frag stattdessen, was deinem Kind heute wichtig ist: beim Fußball länger durchhalten, beim Zocken konzentriert bleiben, in der Früh nicht so zerschlagen sein, sich in der eigenen Haut wohler fühlen. Dann verbinde Gesundheit mit genau diesem Ziel. Nicht du bestimmst, wofür es sich lohnt, sondern dein Kind.
4. Gib Kontrolle ab, wo es geht
Selbstbestimmung ist für Teenager das, was Junkfood ihnen verspricht. Gib sie ihnen dort, wo es dir nicht wehtut: Dein Kind plant einmal pro Woche das Abendessen, sucht im Supermarkt das Obst aus oder kocht mit Freunden selbst Burger mit selbstgemachten Laibchen. Wer selbst entscheidet, muss nicht mehr dagegen rebellieren. Wie du Veränderungen so einführst, dass sie nicht nach Zwang aussehen, steht im 5-Schritte-Plan für Kinder, die sich nicht verändern wollen.
5. Verändere die Umgebung statt der Meinung
Du musst dein Kind nicht überzeugen, um etwas zu verändern. Was daheim griffbereit liegt, wird gegessen. Eine Übersichtsarbeit über 78 Studien zeigt, dass die Verfügbarkeit von Lebensmitteln zu Hause zu den stärksten Faktoren für das Essverhalten von Kindern gehört, bei gesunden wie bei ungesunden Lebensmitteln (Quelle: Yee, Lwin & Ho, International Journal of Behavioral Nutrition and Physical Activity, 2017). Die Studie misst Zusammenhänge, keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Im Alltag ist die Richtung trotzdem klar: Wenn die Obstschale dort steht, wo bisher die Chips lagen, braucht es keine Diskussion. Vorsicht übrigens bei „Zero“- und Light-Produkten als vermeintlich coole Alternative. Warum, liest du im Beitrag über Light-Produkte und Süßstoffe bei Teenagern.
6. Leb es vor, ohne es zu predigen
Teenager hören selten auf das, was wir sagen, aber sie schauen sehr genau, was wir tun. Eine systematische Übersicht über 60 Studien fand durchgehend einen Zusammenhang: Je mehr Obst und Gemüse Eltern selbst essen, desto mehr essen meist auch ihre Kinder und Jugendlichen (Quelle: Pearson, Biddle & Gorely, Public Health Nutrition, 2009). Das heißt nicht, dass du perfekt sein musst. Es heißt: Iss das Gemüse, weil es dir schmeckt, und sag das auch. Und lass dein Kind ruhig sehen, dass du dir die Chips beim Filmabend auch gönnst, ohne schlechtes Gewissen. Genuss und Gesundheit schließen sich nicht aus. Das ist die wichtigste Botschaft überhaupt.
7. Hol dir coole Verbündete
Weil Gleichaltrige so stark wirken, lohnt es sich, Gesundheit sozial zu machen. Lad die Freunde deines Kindes zum gemeinsamen Pizza-Backen mit selbst belegtem Teig ein. Unterstütze einen Verein oder eine Sportart, in der sich dein Kind zugehörig fühlt. Oft hat die ältere Cousine, der Trainer oder ein Sportler, den dein Kind bewundert, mehr Einfluss als du – und das ist völlig in Ordnung. Achte nur darauf, dass diese Vorbilder für Energie und Können stehen, nicht für perfekte Körper. Fitness-Influencer mit Sixpack und Abnehm-Tipps sind keine Verbündeten.
Sätze, die helfen – statt Sätzen, die abprallen
| Statt … | Lieber … |
|---|---|
| „Iss das, das ist gesund.“ | „Probier mal, die sind heute mit Parmesan überbacken.“ |
| „Energy Drinks sind schlecht für dich.“ | „Was glaubst du, warum die so viel Geld für Werbung bei Gaming-Turnieren ausgeben?“ |
| „Wenn du so weitermachst, wirst du krank.“ | „Wann fühlst du dich beim Training richtig fit?“ |
| „Du musst mehr Gemüse essen.“ | „Ich mache heute zwei Beilagen. Such du eine aus.“ |
| „So was kaufe ich nicht.“ | „Planst du am Samstag das Abendessen? Du hast freie Hand, solange was Frisches dabei ist.“ |
Du musst nicht gegen die Werbung gewinnen. Du musst nur die bessere Geschichte erzählen.
In der „Familien-Wende“ zeige ich dir in zwölf Wochen, wie du Essen, Bewegung und Kommunikation bei euch daheim so veränderst, dass Gesundheit nicht mehr nach Strafe klingt – ohne Diät, ohne Verbotslisten und ohne tägliche Diskussionen. Mit Live-Abenden, konkreten Werkzeugen und einer Gemeinschaft von Eltern, die genau dort stehen, wo du jetzt stehst.
Was solltest du als Elternteil lieber lassen?
Alles, was Gesundheit noch mehr nach Kontrolle, Angst oder Scham klingen lässt. Diese fünf Dinge gehen bei Teenagern nach meiner Erfahrung fast immer nach hinten los:
- Moralpredigten über „gute“ und „böse“ Lebensmittel. Wer Essen in gut und böse einteilt, macht das „Böse“ spannender, und dein Kind fühlt sich nach jedem Schokoriegel schlecht statt bewusst.
- Angst als Motivation. Bilder von Krankheiten und Drohungen mit Spätfolgen erreichen Teenager kaum. Häufiger erzeugen sie Abwehr oder heimliches Essen.
- Komplette Verbote. Was verboten ist, wird interessant und wird woanders gegessen: bei Freunden, an der Tankstelle, heimlich im Zimmer.
- Kommentare über Körper und Gewicht. Weder über den deines Kindes noch über deinen eigenen. Gesundheit soll sich nach Energie und Wohlfühlen anfühlen, nicht nach Bewertung.
- Dein Kind zum Projekt machen. Wenn sich alles nur um das Essen deines Kindes dreht, wird es zum Machtkampf. Verändere lieber das Familiensystem für alle. Warum ich deshalb mit Eltern und nicht mit Teenagern arbeite, erkläre ich in Warum ich nicht mit Teenagern arbeite.
Bitte genau hinschauen: Wenn dein Teenager Mahlzeiten komplett auslässt, sich nach dem Essen übergibt, exzessiv Sport treibt, große Mengen heimlich isst oder sich trotz gesundem Gewicht als viel zu schwer empfindet, gehört das in professionelle Hände. Bitte sprich mit eurer Kinderärztin oder einem Kinder- und Jugendpsychologen. Für Jugendliche in Österreich gibt es außerdem 147 Rat auf Draht, rund um die Uhr, kostenlos und anonym. Mehr dazu im Beitrag Angst vor Essstörung beim Abnehmen.
Häufige Fragen
Warum finden Jugendliche gesundes Essen langweilig?
Weil Gesundheit meist als Verzicht und Vernunft verkauft wird, Junkfood dagegen als Spaß, Freiheit und Belohnung im Jetzt. Dazu kommt die sogenannte „Ungesund = lecker“-Intuition: Forschende haben in Studien mit Erwachsenen gezeigt, dass Menschen Lebensmittel oft für weniger lecker halten, sobald sie als gesund beschrieben werden. Für Teenager, die gerade nach Selbstständigkeit suchen, klingt „gesund“ außerdem nach Regeln der Eltern.
Warum ist Junkfood bei Teenagern so beliebt?
Junkfood ist billig, überall verfügbar, intensiv im Geschmack und wird gezielt mit Gaming, Sport, Freunden und Rebellion beworben. Eine Auswertung von 80 Studien zeigt, dass Lebensmittelwerbung damit zusammenhängt, was Kinder und Jugendliche mögen, auswählen und essen (Boyland et al., 2022). In der Pubertät kommt die Gruppe dazu: Was Freunde cool finden, hat in diesem Alter besonders viel Gewicht.
Wie motiviere ich meinen Teenager, gesünder zu essen?
Mit Respekt statt Vorträgen. Am besten wirkt, wenn du deinem Kind hilfst, Werbetricks selbst zu durchschauen, über Geschmack statt über Gesundheit redest und ihm echte Mitbestimmung gibst, etwa beim Einkauf oder beim Kochen. In einer Studie mit 13- bis 15-Jährigen kauften Burschen nach einem Schulprogramm, das Werbetricks entlarvte, drei Monate lang 31 % weniger ungesunde Snacks und Getränke.
Wie beeinflusst Werbung das Essverhalten von Kindern?
Messbar und oft unbemerkt. In einer randomisierten Studie aßen 9- bis 11-Jährige, die Influencer mit ungesunden Snacks gesehen hatten, insgesamt rund 26 % mehr Kalorien als Kinder, die dieselben Influencer mit anderen Produkten gesehen hatten (Coates et al., 2019). Die WHO empfiehlt deshalb seit 2023 verpflichtende Einschränkungen für Werbung zu Lebensmitteln mit viel Fett, Zucker oder Salz, auch in sozialen Medien.
Soll ich Süßigkeiten und Fast Food komplett verbieten?
Nein, komplette Verbote machen ungesundes Essen für Teenager meist noch interessanter und verlagern es nach draußen oder ins Heimliche. Sinnvoller ist, was daheim griffbereit liegt bewusst zu steuern und Süßes oder Fast Food als ganz normalen Teil des Lebens zu behandeln, ohne Drama und ohne schlechtes Gewissen. Struktur hilft mehr als ein Verbot.
Was sage ich, wenn mein Teenager sagt, gesund essen ist uncool?
Widersprich nicht, sondern frag nach: „Wer hat eigentlich entschieden, was cool ist?“ Daraus kann ein Gespräch darüber werden, wie Konzerne mit Werbung bestimmen, was Jugendliche wollen sollen. Wer nicht auf jede Werbung hereinfällt, ist eigentlich der Unabhängigere. Diese Sichtweise ist für viele Teenager deutlich überzeugender als jedes Gesundheitsargument.
Hilft es, meinem Kind die gesundheitlichen Folgen zu erklären?
Meist nur wenig. Teenager kennen die Folgen in der Regel schon, und Folgen in ferner Zukunft fühlen sich in der Pubertät kaum real an. Wiederholte Erklärungen wirken auf Teenager eher bevormundend und können Widerstand auslösen, vermuten Forschende. Wirksamer ist, Gesundheit mit dem zu verbinden, was deinem Kind heute wichtig ist, etwa Energie beim Sport oder Konzentration in der Schule.
Wie viele Jugendliche in Österreich essen täglich Obst und Gemüse?
Bei den Jüngeren gut die Hälfte, ab der Pubertät weniger als die Hälfte. Laut HBSC-Erhebung 2021/22 essen in der 5. Schulstufe 62 % der Mädchen und 55 % der Burschen täglich Obst, in der 11. Schulstufe nur noch 41 % beziehungsweise 29 %. Täglich Gemüse essen in der 9. Schulstufe 44 % der Mädchen und 29 % der Burschen.

