Am Sonntagabend leuchtet mein Handy auf. Ein Foto: ein junger Mann im gelben Laufshirt, der durch einen Zielbogen läuft. Darunter die Zeit seines ersten Halbmarathons: 21,42 Kilometer in 1:51 Stunden. Ich sitze am Küchentisch, schaue auf das Bild und muss weinen.
Clemens war 2019 Teilnehmer in einem unserer Feriencamps. Er war damals ein Kind, das mir sofort aufgefallen ist — nicht wegen seines Gewichts, sondern wegen seiner Art: sozial, warmherzig, jemand, der schaut, wie es den anderen geht. Wir sind nach dem Camp in Kontakt geblieben. Während der Corona-Zeit habe ich immer wieder mit der ganzen Familie gesprochen, auch seinen Bruder beraten, die Eltern haben mehrere Online-Seminare bei mir besucht. Und jetzt, sieben Jahre später, läuft er Halbmarathon, spielt Fußball im Verein und hat mit seiner Mannschaft den Meistertitel geholt.
Solche Nachrichten sind der Grund, warum es HipTeens gibt. Und sie sind gleichzeitig die beste Antwort auf die Frage, die mir Eltern in jedem Erstgespräch stellen: Hält das überhaupt?
Eine Veränderung bleibt dann, wenn sie nicht beim Kind allein hängt, sondern das ganze Familiensystem mitgeht: Routinen, Sprache, Bewegung im Alltag. Langzeitstudien über zehn Jahre zeigen, dass die Veränderung am ehesten bestehen bleibt, wenn die Eltern Teil davon waren — und dass Bewegung, die Freude macht, bis ins Erwachsenenalter mitwandert.
Inhaltsverzeichnis
Was bleibt sieben Jahre nach einem Abnehm-Camp wirklich?
Das entscheidet sich nicht im Camp, sondern in den Jahren danach — zuhause. Ein Camp kann einem Kind zeigen, wie sich Bewegung anfühlt, wenn sie nicht peinlich ist. Es kann ihm drei Wochen lang das Gefühl geben, dazuzugehören. Was es nicht kann: das Wohnzimmer verändern, in das das Kind danach zurückkommt.
Genau das habe ich in den Jahren mit den Camps gelernt — und es war die unbequemste Erkenntnis meiner Berufslaufbahn. Die Kinder waren motiviert, sie hatten abgenommen, sie hatten etwas verstanden. Und dann fuhren sie heim, in dieselbe Küche, dieselben Abläufe, dieselben Konflikte. Bei vielen war nach ein paar Monaten alles wie vorher. Nicht, weil die Kinder es nicht gewollt hätten. Sondern weil ein Kind kein System allein umbauen kann.
Bei Clemens war es anders — und im Rückblick weiß ich ziemlich genau, warum. Da war nicht nur ein Kind, das drei Wochen lang etwas Neues ausprobiert hat. Da war eine Familie, die drangeblieben ist: Eltern, die sich in Online-Seminare gesetzt haben, statt darauf zu warten, dass ihr Sohn es allein richtet. Ein Bruder, der mitgedacht hat. Gespräche, die über Jahre weitergingen, auch als niemand mehr ein Programm gebucht hatte. Das ist keine Wunder-Methode. Das ist ein Umfeld, das eine Richtung hält.
Eine Sache möchte ich hier ganz offen sagen: Clemens‘ Geschichte ist kein Werbe-Testimonial für unser heutiges Programm. Sie stammt aus der Camp-Zeit und damit aus einem Angebot, das es in dieser Form nicht mehr gibt. Sie ist etwas anderes — nämlich der Grund, warum das heutige Programm überhaupt so aussieht, wie es aussieht: mit den Eltern im Zentrum statt mit dem Kind auf dem Prüfstand. Warum ich nicht mit den Teenagern selbst arbeite, sondern mit ihren Eltern, habe ich in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben.
Warum hält eine Veränderung nur, wenn die ganze Familie mitgeht?
Weil das Kind jeden Tag in dem Umfeld lebt, das über die einfachen Entscheidungen bestimmt — und dieses Umfeld gestalten die Eltern, nicht das Kind. Was im Kühlschrank steht, wie über Essen gesprochen wird, ob Bewegung gemeinsam passiert oder als Auftrag verteilt wird: Das sind alles Elternentscheidungen. Und sie wirken jeden einzelnen Tag weiter, lange nachdem jedes Programm zu Ende ist.
Das ist keine Haltungsfrage, das ist gut untersucht. Eine der wenigen Studien, die Kinder über ein ganzes Jahrzehnt begleitet hat, verglich Familien, in denen Eltern und Kind gemeinsam begleitet wurden, mit einer Kontrollgruppe ohne diesen Fokus:
Zehn Jahre. Das ist der Zeitraum, um den es eigentlich geht — nicht die zwölf Wochen, nicht die drei Camp-Wochen. Die vollständigen Daten dieser Langzeitstudie sind bis heute öffentlich einsehbar (Quelle: Epstein et al., JAMA 1990, via PubMed). Was mich daran jedes Mal berührt: Die Kinder in der einen Gruppe waren nicht disziplinierter. Sie hatten nur ein Zuhause, das mitgezogen ist.
Deshalb ist der Satz „Das wächst sich schon aus“ so teuer — er verschiebt die Verantwortung auf die Zeit statt auf das System. Warum er in den meisten Fällen nicht stimmt, steht im Beitrag über den Mythos „Es wächst sich aus“.
Falls du jetzt denkst: „Dann habe ich all die Jahre das Falsche gemacht.“ Nein. Du hast getan, was dir geraten wurde — meistens war das: beim Kind ansetzen. Dass das selten hält, ist kein Versäumnis von dir, sondern ein Konstruktionsfehler des Ansatzes. Und du kannst das an jedem beliebigen Tag ändern, auch heute.
Wie findet ein Kind einen Zugang zu Bewegung, der ein Leben lang hält?
Über Freude, Zugehörigkeit und Wiederholung — nie über Druck oder die Waage. Clemens hat nicht mit dem Laufen angefangen, weil ihm jemand gesagt hat, er solle sich mehr bewegen. Er ist zum Fußball gegangen, weil dort seine Freunde waren, weil er dazugehört hat, weil es Spaß gemacht hat. Der Halbmarathon ist erst viele Jahre später dazugekommen — als etwas, das er für sich wollte.
Dass daraus ein lebenslanger Zugang wird, ist kein Zufall. Eine finnische Studie hat über 2.300 Kinder und Jugendliche 21 Jahre lang begleitet: Wer als Kind und Jugendlicher über mehrere Jahre durchgehend im Verein Sport betrieben hat, fand sich als Erwachsener deutlich häufiger im aktivsten Drittel wieder als jene, die als Jugendliche inaktiv waren (Quelle: Telama et al., American Journal of Preventive Medicine, 2005).
Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, dass jedes Kind in einen Verein muss. Es geht um das Prinzip dahinter: regelmäßig, gemeinsam, freiwillig. Ein Verein erfüllt das oft gut — aber ein wöchentlicher Waldspaziergang mit dem Papa, Tanzen im Wohnzimmer oder die Radrunde zum Eissalon erfüllen es auch. Entscheidend ist nicht die Sportart, sondern dass es sich nicht wie eine Maßnahme anfühlt.
Wenn dein Kind gerade jede Form von Sport ablehnt, ist das übrigens fast immer eine Scham-Frage und keine Faulheitsfrage: Turnsaal, Umkleide, Blicke, das Gefühl, der Langsamste zu sein. Deshalb funktioniert der Start zuhause oft besser als im Verein — ohne Publikum, ohne Vergleich. Konkrete Ideen dafür stehen im Beitrag Sport für übergewichtige Teenager.
Und noch etwas, das mir wichtig ist: Bewegung darf sich nie wie eine Strafe für den eigenen Körper anfühlen. In dem Moment, in dem Laufen zur Buße für das Essen wird, ist der lebenslange Zugang verloren — dann hält es vielleicht drei Wochen. Warum ich Gesundheit deshalb konsequent als Privileg und nicht als Zwang beschreibe, ist der Kern dieser Haltung.
Was ist die Mission von HipTeens?
HipTeens befähigt Eltern von Kindern und Teenagern zwischen 8 und 16 Jahren, das Familiensystem so zu verändern, dass ihr Kind ohne Diät-Drama, ohne Druck und ohne tägliche Diskussionen wieder Richtung Wohlfühlgewicht kommt — und die Beziehung dabei besser wird statt schlechter. Es ist ausdrücklich kein Abnehmprogramm für Kinder, sondern ein Update für das Betriebssystem, in dem das Kind lebt.
Dieses Update läuft über drei Hebel, an denen Eltern tatsächlich drehen können:
- Kommunikation und Beziehung: Wie über Essen und Körper gesprochen wird — und wie Grenzen gesetzt werden, ohne dass Türen knallen.
- Ess-Routinen: Struktur statt Kalorienzählen. Verfügbarkeit statt Verbote. Stabilität statt Perfektion.
- Bewegung: Alltagsbewegung und Kompetenzaufbau statt Sport als Auflage — ohne Peinlichkeit, ohne Publikum.
Und die Vision dahinter ist eigentlich ein einziger Satz: Jeder junge Mensch soll seine Pubertät genießen dürfen. Sie soll Spaß machen. Sie soll nicht die Lebensphase sein, in der man lernt, dass der eigene Körper ein Problem ist, das man lösen muss. Wenn ein Kind stattdessen lernt, dass Bewegung guttut und Essen etwas Schönes ist — dann nimmt es das mit, egal was das Leben später bringt.
Dass es diese Arbeit braucht, zeigen die österreichischen Zahlen deutlich: 2021/22 gaben 17 % der 11- bis 17-jährigen Mädchen und 25 % der gleichaltrigen Burschen Übergewicht oder Adipositas an — je nach Altersgruppe vier bis sieben Prozentpunkte mehr als zehn Jahre davor (Quelle: Gesundheit Österreich GmbH, Gesundheitsbericht Kinder und Jugendliche, 2024). Hinter jedem dieser Prozentpunkte sitzt eine Familie am Küchentisch und fragt sich, wo sie anfangen soll. Meine Antwort darauf ist unverändert: beim ersten kleinen Schritt, nicht bei der großen Umstellung.
Warum ist Erfolg am Ende das Resultat harter Arbeit?
Weil kein Camp, kein Programm und keine Trainerin je die Arbeit abnimmt, die ein junger Mensch selbst leistet. Das ist mir in einem Beitrag wie diesem besonders wichtig: Was Clemens heute kann, hat ihm niemand geschenkt. Er hat es sich erlaufen und ertrainiert — an vielen Abenden, an denen Liegenbleiben die bequemere Wahl gewesen wäre. „Erfolg ist das Resultat harter Arbeit“, sagt er selbst. Das ist sein Satz, nicht meiner. Und er gehört ihm.
Was mich daneben jedes Mal aufs Neue berührt, ist etwas Stilles: dass diese Familie sich nach sieben Jahren immer noch meldet. Ein Foto vom Meistertitel. Eine Nachricht nach dem Zielbogen. Ein Update, wie es dem Bruder geht. Niemand muss das tun. Es läuft kein Programm mehr, es gibt keine Verpflichtung, keinen Grund außer dem einen: Sie lassen mich teilhaben. Dafür bin ich so dankbar, dass ich es kaum in Worte bringe.
Ich bin so stolz auf diesen jungen Mann. Nicht wegen einer Zahl auf einer Waage, sondern weil er sich Schritt für Schritt etwas aufgebaut hat, das ihm niemand mehr nehmen kann: einen Körper, der ihm Freude macht, einen Sport, der ihm gehört, und die Erfahrung, dass Dranbleiben sich auszahlt. Wenn ich dieses Foto aus dem Zielbogen anschaue, sehe ich nicht das Kind von 2019. Ich sehe einen jungen Mann, der weiß, was er kann.
Was du daraus für dein Kind mitnehmen kannst: Sag deinem Kind, wenn du seine Anstrengung siehst — nicht sein Gewicht. „Ich hab gesehen, dass du dranbleibst“ trägt weiter als jedes Lob für ein Ergebnis. Die Anstrengung kann dein Kind jeden Tag selbst beeinflussen, eine Zahl auf der Waage nicht.
Jungen Menschen Gesundheit, Freude und Leichtigkeit im Umgang mit dem eigenen Körper mitzugeben — das ist für mich alles. Dass Clemens über den Fußball und das Laufen einen Zugang zu Gesundheit gefunden hat, der ihn ein Leben lang tragen kann, ist das Größte, was ich mir für ein ehemaliges Camp-Kind wünschen kann. Und ich weiß genau: Diesen Weg ist er selbst gegangen.
Lieber Clemens, ich bin so stolz auf dich und auf deine harte Arbeit. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und toi, toi, toi für alles, was noch kommt. Und danke — dir und deiner ganzen Familie — dass ihr mich all die Jahre teilhaben lasst.
Du willst, dass bei euch eine Veränderung nicht nur drei Wochen hält, sondern bleibt?
Im Online-Workshop „Abnehmen in der Pubertät“ zeige ich dir an zwei Abenden, wie ihr als Familie das Umfeld eures Kindes so verändert, dass gesündere Gewohnheiten von selbst leichter fallen — ohne Diäten, ohne Druck und ohne krachende Türen. Inklusive Aufzeichnung und Gratis-Kochbuch.
Häufige Fragen
Hält Abnehmen bei Kindern langfristig?
Ja, wenn sich nicht nur das Kind verändert, sondern auch sein Umfeld. In einer Langzeitstudie über zehn Jahre lagen Kinder, deren Eltern Teil der Begleitung waren, beim relativen Übergewicht 7,5 % unter dem Ausgangswert, während die Vergleichsgruppe 14,3 % darüber lag (Epstein et al., JAMA, 1990). Entscheidend sind also Routinen, die weiterlaufen, wenn das Programm längst vorbei ist.
Was bringt ein Abnehm-Camp für Kinder wirklich?
Ein Camp kann einem Kind ein starkes Erfolgserlebnis und einen positiven Zugang zu Bewegung geben — das ist viel wert. Was es nicht leisten kann, ist die Veränderung des Alltags zuhause, in den das Kind zurückkehrt. Ohne Begleitung der Familie ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass nach einigen Monaten wieder die alten Muster greifen.
Warum arbeitet HipTeens mit den Eltern und nicht mit dem Kind?
Weil Eltern das Umfeld gestalten, in dem das Kind jeden Tag entscheidet: Einkauf, Mahlzeitenstruktur, Sprache über Essen und Körper, gemeinsame Bewegung. Ein Kind kann dieses System nicht allein umbauen. Wenn sich das System ändert, verändert sich das Verhalten des Kindes meist von selbst — ohne Diät und ohne tägliche Diskussionen.
Welcher Sport ist für übergewichtige Kinder geeignet?
Der, der Freude macht und regelmäßig stattfindet — alles andere ist zweitrangig. Gelenkschonende Einstiege wie Schwimmen, Radfahren oder zügiges Gehen sind gute erste Schritte, Mannschaftssport punktet zusätzlich über die Zugehörigkeit. Wichtig ist ein Umfeld ohne Vergleich und ohne Publikum, gerade am Anfang.
Wie viel Bewegung braucht mein Kind pro Tag?
Für Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 17 Jahren gilt als Richtwert durchschnittlich 60 Minuten moderate bis intensive Bewegung pro Tag. Weltweit erreichen das 81 % der 11- bis 17-Jährigen nicht (WHO, 2024). Alltagsbewegung wie Schulweg, Stiegen steigen oder Radfahren zählt dabei mit.
Was tue ich, wenn mein Kind jeden Sport ablehnt?
Frag nach dem Warum, bevor du nach einer Sportart suchst — hinter der Ablehnung steckt meist Scham und nicht Bequemlichkeit: Umkleide, Blicke, das Gefühl, der Langsamste zu sein. Ein Start zuhause ohne Publikum nimmt diesen Druck heraus. Wenn Bewegung wieder mit Spaß statt mit Bewertung verknüpft ist, kommt die Bereitschaft für mehr oft von selbst zurück.
Woran erkenne ich, dass sich bei meinem Kind wirklich etwas verändert?
Nicht in erster Linie an der Waage, sondern am Alltag: mehr Energie, weniger Streit ums Essen, ein entspannterer Umgang mit dem eigenen Körper, Freude an Bewegung. Diese Anzeichen kommen der Gewichtsveränderung meist Wochen bis Monate voraus — und sie sind die verlässlicheren Vorboten dafür, dass etwas bleibt.
Was ist die Mission von HipTeens?
HipTeens befähigt Eltern von 8- bis 16-Jährigen, das Familiensystem so zu verändern, dass ihr Kind ohne Diät-Druck wieder Richtung Wohlfühlgewicht kommt — über Kommunikation, Ess-Routinen und Bewegung. Die Vision dahinter: Jeder junge Mensch soll seine Pubertät genießen dürfen und einen Zugang zu Gesundheit finden, der ein Leben lang trägt.

